Die Zeit ist schon eine seltsame Größe. Sie macht immer genau das Gegenteil von dem, was man sich gerade wünscht. Am Anfang des Freiwilligendienstes, als es mir noch nicht so gut ging und ich mir das Ende ersehnte, schien die Zeit extra langsam zu vergehen. Jetzt, wo das Ende in alarmierender Schnelligkeit immer näher rückt, legt die Zeit gefühlt noch einen Zahn zu. In 30 Tagen geht mein Flieger zurück nach Deutschland. Viel zu wenig Zeit für alles, was ich (weiter-)machen will.
Seit dem letzten Bericht im März ist einiges geschehen, viel ist aber auch gleich geblieben, so zum Beispiel die Arbeit im Krankenhaus. Ich bin immer noch auf der Kinderstation und habe auch nicht vor, das in den letzten Wochen zu ändern. Mir gefällt es hier, die Arbeit ist entspannt, meine Kolleg:innen sind nett und Kinder sind angenehmere Patienten als Erwachsene. Ab und zu gehe ich ins Theatre, wo ich bei Operationen dabei sein kann. Ich habe für mich das richtige Maß an Arbeit und Freizeit gefunden. Nach der Arbeit spiele ich meistens Volleyball mit den Nursing- Studenten, gehe danach ins Gym oder greife zur Gitarre.
Ich mag meine Arbeitswoche, den Rhythmus und die Freiheiten, die ich habe. Wochenends fahre ich nach Nansana, wo ich seit neuestem samstagabends einen Afro-Beat-Tanzkurs besuche, der mir sehr viel Spaß macht - ich ärgere mich, nicht früher hingegangen zu sein. Am ersten Juli-Wochenende haben mich andere Freiwillige in Luweero besucht, anschließend sind wir nach Nebbi gefahren, eine Stadt im Nord-Westen, wo Freiwillige einer anderen Organisation wohnen.
Der Norden Ugandas unterscheidet sich sehr von der Zentralregion, in der wir leben. Klimatisch, landschaftlich, aber auch infrastrukturell. Es ist deutlich heißer und trockener, die Landschaft ist hügeliger und savannenartig. Die Bevölkerung ist merkbar ärmer, als ich fragte, warum das so sei, erfuhr ich, dass der Norden stark unter Joseph Kony, Warlord und Anführer der Terroristengruppe "LRA", gelitten hat und seither nicht genug Unterstützung vom Regime erhält. (Wen das interessiert, googelt nach Joseph Kony). Die Dörfer bestehen aus Hüttenverbänden, die nach Familien geordnet sind, umgeben von Feldern und Bäumen. Ein wirklich malerischer Anblick, besonders von einem Aussichtspunkt, zu dem wir gewandert sind. Die verteilten kleinen Dörfer passten einfach ins Landschaftsbild rein, wirken nicht fehl am Platz, wie Häuser das oft tun. Dass Hütten über Backsteinhäuser präferiert werden, hat finanzielle Gründe, hängt aber auch stark mit Tradition und auch Effektivität zusammen. Zum Beispiel bleiben die Hütten kühler in der Hitze des Tages. Nebbi war eine Erfahrung, die uns bewusst gemacht hat, dass wir selbst nach einem Jahr Aufenthalt das Land noch nicht ganz kennengelernt haben. Jetzt ist die Zeit zu knapp um noch in den Norden u. Nord-Osten zu fahren, sollte ich aber irgendwann nochmal hierhin kommen, steht das weit oben auf der Liste.
In den letzten Monaten habe ich auch einige Ferienwochen gehabt: Über Ostern kam mich meine Familie besuchen. Es war schön, sie wieder zu sehen und ich habe die Zeit genutzt, ihnen möglichst vielseitig Uganda zu zeigen, was in zwei Wochen natürlich nicht völlig machbar ist. In den ersten Tagen waren wir in Kampala, bei UPA und hier in Luweero im Krankenhaus, anschließend sind wir in den Osten Ugandas gefahren, wo wir am Nil, im Regenwald und am Fuße des Mount Elgon waren, Ugandas höchstem Berg. Dort haben wir auch einige Tage bei der deutschen Organisation "Salem" verbracht. Zum Schluss waren wir dann noch in Entebbe und auf dem Viktoria See in den Sümpfen, wo wir auch einen Schuhschnabel gesehen haben. Dann ging auch wieder der Flieger zurück nach Deutschland (trotz einigen Problemen wegen Ausfällen und fehlender Kommunikation).
Im Mai bin ich lang ersehnt nach Moshi in Tansania gefahren, wo auch Freiwillige von IN VIA Köln sind. Nach ein paar Tagen Aufenthalt und Planung begann für eine Mitfreiwillige und mich endlich die Kilimanjaro Besteigung. 5 Tage hoch, einen runter, unglaubliches Wetter und fast keine andere Gruppe, sodass wir den Berg für uns alleine hatten. Mit unserem Guide Denis und seiner Crew, die uns echt professionell umsorgt haben. Es schien zu schön um wahr zu sein; der Haken sollte sich dann in der Gipfelnacht bemerkbar machen: kurz gesagt, ich habe starke Höhenkrankheit bekommen, sodass ich 500hm vor dem Gipfel umdrehen musste. Trotz fehlender Gipfeleuphorie war es ein unglaubliches Erlebnis, das ich direkt nochmal machen würde.
Nun ist Mitte Juli, in einem Monat bin ich über den Wolken. Ich mache mir Gedanken über den Abschied von meinen Freunden hier, von denen ich nicht weiß ob und wann ich sie das nächste Mal wiedersehen werde. Das langsam erbaute Kartenhaus der Gewohnheiten wird wieder umgeworfen, in Deutschland erwartet mich eine Welt, die ich zwar kenne, von der ich jedoch nicht weiß wieviel sie sich verändert hat. Viele meine Freunde sind in anderen Ländern und Städten, jede:r hat einen eigenen Weg eingeschlagen und ich bezweifle, dass alles ist wie zuvor. In einem Jahr kann sich zwischenmenschlich einiges verändern. Worauf ich mich auch nicht freue, sind die ganzen Fragen ("Wie war's? Erzähl doch mal!"). Als ob man in einigen Sätzen das ganze Jahr zusammenfassen könnte. Das werde ich wahrscheinlich schnell leid sein. Stellt euch also auf ein "Schön" oder "Gut" als Antwort ein 😅.
Es gibt aber auch Vieles auf das ich mich freue. Familie und Freunde natürlich, Pfadfinder, das Rückkehrseminar, Essen, Autofahren, ...
In den letzten Wochen genieße ich also noch möglichst intensiv die ugandische Luft, bevor es dann für unbestimmte Zeit heißt: Tunalabagana edda, Uganda