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Maike, Einsatzzeit: 2023 bis 2024:Erfahrungsbericht Kampala School for the physically Handicapped, Uganda

Mittlerweile bin ich seit fast 11 Monaten hier und mein Freiwilligendienst neigt sich dem Ende zu. Ich sage das zwar bei jedem meiner Berichte, aber seit dem letzten Bericht habe ich mich nochmal viel mehr eingelebt, mehr gelernt und verstanden und viele neue Menschen kennengelernt.

Kulikayo! Willkommen zurück!

Mittlerweile bin ich seit fast 11 Monaten hier und mein Freiwilligendienst neigt sich dem Ende zu. Ich sage das zwar bei jedem meiner Berichte, aber seit dem letzten Bericht habe ich mich nochmal viel mehr eingelebt, mehr gelernt und verstanden und viele neue Menschen kennengelernt.

Meine Einsatzstelle

Meine Arbeit macht mir nach wie vor sehr viel Spaß. An meinen Tätigkeiten, die ich auf der Arbeit ausübe, hat sich nichts verändert. Ich mache immer noch hauptsächlich Ergo- und Physiotherapie mit etwa 5-6 Kindern, die mir zu Beginn des neuen Terms (der neue Term hat Ende Mai begonnen) zugeteilt wurden. 

Ich habe mir überlegt, dass ich die Therapie, die ich mit zwei Kindern mache, etwas näher für euch beschreiben will. Der erste Schüler, mit dem ich schon seit Beginn des Freiwilligendienstes arbeite, hat spastische Zerebralparese und ist 14 Jahre alt. Bei der Zerebralparese kann das Gehirn die Flexibilität der Muskeln nicht kontrollieren, sie werden angespannt und können spastisch werden. Er sitzt im Rollstuhl, da seine Arme und Beine von der spastischen Lähmung betroffen sind, wobei seine Arme um einiges stärker betroffen sind. Er spricht nicht sehr gut Englisch, wodurch unsere Kommunikation teils nonverbal abläuft und teils aus Luganda besteht. Im ersten halben Jahr habe ich mich nur auf seine feinmotorischen Fähigkeiten an Händen und Füßen konzentriert. Seine Füße kann er viel gezielter und koordinierter einsetzen als seine Hände. Er ist sehr gelenkig und kann mit seinen Füßen teilweise schreiben, malen und essen. Jedes Mal, wenn ich ihn aus seiner Klasse hole, fährt er mir strahlend entgegen und sagt oft „Musawo”. Das ist Luganda und so wird hier jedes medizinische Personal angesprochen, also auch die Therapeut*innen bei uns an der Schule. 

Anfang Februar kamen für sechs Wochen Praktikant*innen aus Dänemark an die Schule, die dort Physiotherapie studieren. Einer der Praktikanten hat auch mit meinem Schüler gearbeitet und schnell erkannt, dass er außer seiner Feinmotorik auch das Laufen und Stehen trainieren kann. Seitdem habe ich mich darauf konzentriert und ähnliche Übungen gemacht, die mir der Praktikant gezeigt hat. Nämlich das Stehen zu trainieren auf unterschiedlichen Untergründen und auch das assistierte Laufen. Mit Unterstützung klappt das Laufen gut, allerdings ist es ohne Unterstützung noch sehr schwer und momentan gar nicht möglich, da er sich dafür nicht genug ausbalancieren kann. Nach zwanzig Minuten stehend und laufend (und natürlich Pausen zwischendurch) ist er dann auch immer ziemlich müde und erschöpft. Es ist so schön für mich zu sehen, wie viel Spaß er bei der Therapie hat und wie er die Zeit genießt. 

Der nächste Schüler, mit dem ich probiere, täglich zu arbeiten, hat eine Mischform der Zerebralparese. Der vorhin genannte Schüler hat die spastische Form der Zerebralparese, wohingegen bei diesem Schüler sowohl die spastische als auch die athetotische Form vorliegt. Bei der athetotischen Form der Zerebralparese bewegen sich die Arme, Beine und der Körper spontan, langsam und unwillkürlich. Die Bewegungen können auch wurmartig, abrupt und ruckartig sein. Er ist diesen Monat zwölf Jahre alt geworden. Er ist gemeinsam mit seinem Bruder bei der Schule, der keine Behinderung hat und ihn pflegt. Wenn ich morgens immer seine Klasse betrete, liegt er oft auf einer Matte auf dem Boden, da sein Rollstuhl nicht bequem für ihn ist und er darin nicht gut sitzen kann. Schreiben ist für ihn leider nicht möglich und auch das Sprechen fällt ihm schwer bzw. es ist nicht leicht für sein Gegenüber ihn zu verstehen. Er spricht perfektes Englisch, da das auch seine Muttersprache ist. Vom Unterricht bekommt er viel mit, wird aber leider oft nicht so richtig einbezogen. Ich versuche mit ihm immer Therapie zu machen, wenn der Therapieraum nicht so voll ist, da er sich bei Geräuschen schnell anspannt und bei fremden Leuten mir gegenüber mehr verschließt. Die Therapie besteht daraus, dass ich einmal seine ganzen Gelenke durchbewege und seine verhärteten Muskeln massiere. Was aber, glaube ich, noch viel wichtiger bzw. schöner für ihn ist, ist, dass während unserer Therapie Raum für Gespräche ist. Er hat meist viel zu erzählen oder auch mal Fragen an mich über Deutschland. Er kann sich bei mir beschweren, wer ihn nicht gut behandelt von den anderen Schüler*innen und ich probiere ihm da zu helfen. Er erzählt mir aber auch sehr gerne von seiner Familie und wie gern er seine Mutter und seine Brüder hat. Seit ein paar Wochen probieren wir uns am Lesen bzw. erstmal an den Buchstaben und ich bin gespannt, welche Fortschritte er da noch erzielen kann.

Alltag und Freizeit

In meinem letzten Bericht habe ich geschrieben, dass ich hier einen alten Sport für mich wiederentdeckt habe, nämlich das Handballspielen. Seitdem verbringe ich den größten Teil meiner Freizeit damit. Wir trainieren 3-5 Mal pro Woche, und das ist für mich jedes Mal die schönste Zeit des Tages. Der Handballplatz ist draußen und das Training geht meistens so lange bis die Sonne untergeht, was an sich schon für so eine schöne Atmosphäre sorgt. Aber was es für mich so toll und besonders macht, sind definitiv die Leute dort. Es ist einfach so ein tolles Team und ich habe dort gute Freunde gefunden. Seit Juni spielt unser Team in der “Uganda Handball Super League” mit, was bedeutet, dass wir beinahe jeden Samstag in der Halle verbringen. Unser Spiel ist oft schon vormittags, wo wir (Frauen und Männer spielen getrennt) auch Unterstützung von den Männern, Familien und ehemaligen Spieler*innen bekommen. Danach schauen wir bei den Spielen der anderen Teams zu, essen, quatschen und genießen einfach die Zeit zusammen. Das ist immer sehr schön und hat so eine familiäre Atmosphäre.

Meine restliche Freizeit verbringe ich meistens mit den anderen Freiwilligen. Wir sind oft in Kampala und besuchen dort den “Owino Market”. Das ist ein riesiger Second Hand Markt, auf dem man wirklich alles finden kann, wenn man sich auskennen würde. Durch den oft fehlenden Orientierungssinn laufen wir aber meistens einfach darauf los und entdecken dadurch jedes Mal neue Ecken, mit anderen Sachen. Daran, dass wir dabei als weiße Menschen oft angesprochen und angefasst werden, habe ich mich gewöhnt und es ist normal für mich geworden. 

Immer mal wieder gehe ich auch mit den anderen Freiwilligen feiern, da Kampala wirklich ein sehr ausgeprägtes Nachtleben hat. Dabei lernt man jedes Mal super viele neue Leute kennen und mittlerweile treffen wir immer mehr auf bekannte Gesichter. Für mich ist es auch spannend zu sehen, dass wir dabei eine andere Seite Kampalas kennenlernen. Denn im Gegensatz zu unserem Alltag haben wir beim Feiern eher mit der reichen Oberschicht zu tun und die Menschen, die wir kennenlernen, sind oft Künstler*innen, die Musik machen oder in der Modebranche tätig sind.

Familienbesuch und Tripps

Die letzten Monate habe ich auch die Möglichkeit genutzt viel zu reisen. Eine Reise, die wirklich sehr groß und besonders für mich war, ist die Reise durch Tansania zusammen mit meiner Mutter. Wir haben uns Anfang April in Arusha (Tansania) getroffen. Ich bin aus Uganda mit dem Bus angereist und sie ist direkt dorthin geflogen. Wir hatten einige Ideen, was wir gerne machen möchten, aber viel geplant hatten wir nicht. Wir starteten erstmal in Arusha und schauten uns ein bisschen die Stadt an. Nach dem ersten kleinen Kulturschock dort ging es los mit dem Bus an die Küste nach Tanga. Trotz des sehr heißen und schwülen Wetters dort, verbrachten wir zwei schöne Tage und freuten uns über die TucTucs, die dort das wesentliche Transportmittel sind. Danach machten wir uns auf den Weg in die Usambara Berge, von denen wir viel Gutes gehört hatten. Der Weg war sehr kräftezehrend, da wir für etwa 170km acht Stunden brauchten. Das lag zum einen daran, dass unser Bus immer wieder anhielt, um Leute mitzunehmen oder rauszulassen und zum anderen an einem Problem des Kühlwassers, weswegen wir immer wieder anhalten mussten, um neues aufzufüllen. Aber als wir dann endlich angekommen waren, verbrachten wir dort die vier schönsten Tage unserer Reise. Unsere Unterkunft war mitten in der Natur und man konnte dort superschön wandern gehen. Bei unseren Wanderungen wurden wir begleitet von einem Guide, der uns viel über die Menschen, das Essen und die Natur erzählt hat. Die letzten Tage in Tansania verbrachten wir dann noch in Moshi und besuchten auch die anderen Freiwillige, die dort ihren Freiwilligendienst machen. 

Gemeinsam fuhren wir danach zurück nach Uganda und ich zeigte meiner Mutter, wie ich dort lebte, meine Arbeit und Kampala. Dort kam auch noch mein kleiner Bruder nachgeflogen und wir verbrachten eine schöne Zeit zu dritt. Ein Highlight dieser Zeit war definitiv die zweitägige Safari in dem Murchison Falls Nationalpark. Wir konnten außer beeindruckender Natur auch sehr viele wilde Tiere sehen. Und für mich war es so beeindruckend die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können. 

Super dankbar ging damit die Zeit mit meiner Familie zu Ende und meine Mutter und mein Bruder verabschiedeten sich wieder nach Deutschland.

Abgesehen von dieser Reise habe ich mit den anderen Freiwilligen einige kleine Trips unternommen. Wir waren in Jinja, eine Stadt östlich von Kampala, die für den Nilursprung bekannt ist.  Dann haben wir die Sippi Falls besucht, die ebenfalls im Osten Ugandas liegen und haben dort wunderschöne Natur gesehen und durften bei einer Coffee Tour selbst Kaffee herstellen und trinken. 

Vor ein paar Wochen bin ich auch mit ein paar Freiwilligen in den Norden Ugandas gefahren, wo andere Freiwillige arbeiten. Das war sehr interessant und beeindruckend für mich, da ich dort eine ganz andere Seite Ugandas sehen durfte. Der Großteil der Menschen dort lebt im Hütten und auf der Fahrt dorthin haben wir viele kleine Communities gesehen. Es stehen meist 5-6 Hütten in Kreisen zusammen und es gibt nur eine große Straße, die dorthin führt. Es gibt vereinzelte Städte, wo dann auch wieder etwas mehr Trubel ist und es ganz normal Supermärkte, Restaurants und Bars gibt. Jetzt kann ich verstehen, warum mir so oft Locals sagen, dass ich auf jeden Fall den Norden Ugandas gesehen haben muss, bevor ich gehe. 

Die meisten Menschen, die ich kennengelernt habe und die in Kampala leben, haben Familie außerhalb und besuchen sie regelmäßig, um durch das Dorfleben wieder runterkommen zu können. Das ist einfach ganz anders und nicht mit Zentraluganda zu vergleichen. Ich bin dankbar, dass ich auch diese Lebensweise sehen und kennenlernen durfte.

Ableismus

Ich möchte meinen Bericht auch gerne dafür nutzen, um auf Ableismus aufmerksam zu machen. 

Ableismus steht für die ungleiche Behandlung von Menschen mit Behinderung. Dabei werden Menschen mit Behinderung auf die Merkmale reduziert, in denen sie vom vermeintlichen „Normalzustand” abweichen. Von diesen Merkmalen wird anschließend beispielsweise darauf geschlossen, was die Person kann oder nicht kann, ohne die betroffene Person zu kennen. Es gibt zwei Formen des Ableismus, den „abwertenden” und den „aufwertenden” Ableismus. Der „abwertenden” Ableismus zeigt sich darin, dass Betroffene aktiv für ihre Behinderung diskriminiert werden. 

Ein Beispiel: Eine Person, die im Rollstuhl sitzt, braucht beim Einsteigen in den Bus die Rampe. Der/Die Busfahrer*in reagiert daraufhin genervt und sagt: „Können Sie nicht zu einer anderen Tageszeit Busfahren? Sie halten den ganzen Verkehr auf.” 

Wohingegen der „aufwertende” Ableismus sich darin zeigt, dass Menschen mit Behinderung für die Erledigung von alltäglichen Aufgaben von Menschen ohne Behinderung gelobt werden. Ein Beispiel: Die Person, die im Rollstuhl sitzt, erwidert auf das vorherige Beispiel, dass sie zu dieser Tageszeit den Bus nehmen muss, da sie zur Arbeit fährt. Daraufhin sagt der/die Busfahrer*in: „Das ist aber toll, dass Sie trotz ihres Rollstuhls einen Beruf ausüben.” 

Bei beiden Formen handelt es sich um Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Die Diskriminierungserfahrungen von Menschen mit Behinderung ziehen sich durch alle Bereiche des öffentlichen wie privaten Lebens und hindern sie an einer gleichberechtigten Teilnahme an der Gesellschaft. Strukturelle Barrieren treten zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, in den Medien und in öffentlichen Räumen auf. Ableismus spielt sich sowohl bewusst als auch unbewusst ab. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns darüber bewusst werden, wann und wie wir uns ableistisch verhalten. Dies kann man tun, indem man sich gezielt mit den Perspektiven von Menschen mit Behinderung auseinandersetzt. Es gibt online einige Aktivist*innen mit Behinderung, die Aufklärungsarbeit leisten. 

· Marian und Tabea von “NOTJUSTDOWN”: Die Geschwister wollen das Leben von und mit Menschen mit Down-Syndrom in allen Facetten zeigen. 

· Laura Gehlhaar: Sie ist Speakerin und Autorin und berät Unternehmen in den Bereichen Inklusion und Barrierefreiheit. 

Ausblick

Mir bleiben jetzt noch vier Wochen in Uganda, in denen ich nicht viel geplant habe, außer von meiner Arbeit zu genießen, ganz viel Handball zu spielen und die Zeit, mit all den Menschen, die mir wichtig geworden sind, wertzuschätzen.