"Hinzu kommt, dass ich fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht mit der für mich neuen Kultur und sehr viele hilfsbereite und nette Menschen kennengelernt habe. Zu guter Letzt trägt zu meinem Wohlsein auch die Arbeit bei. Die Kinder bereiten mir jeden Tag aufs Neue viel Freude und es ist ein schönes Gefühl zu spüren, dass nicht nur sie mir ans Herz gewachsen sind, sondern, dass ich auch ihnen etwas bedeute. " Merle, Uganda
Merle, Einsatzzeit: 2024 bis 2025:Erfahrungsbericht Mengo Youth Development Link (MYDEL), Uganda
Der Beginn von meinem Freiwilligendienst in Uganda
Mittlerweile sind schon vier Monate von dem bis jetzt aufregendsten und ereignisreichsten Jahr meines Lebens verstrichen. Die Zeit ist wie im Flug vergangen und ich habe unglaublich viel erleben und lernen dürfen. Ich möchte Euch nun einen kleinen Einblick in mein Leben in Uganda geben.
Um euch am Anfang abzuholen, muss ich weit vor meiner Ausreise beginnen. Mein Freiwilligendienst hat nämlich nicht im September begonnen, sondern im Februar 2024 mit meiner Zusage von IN VIA. Diesen Moment werde ich wohl nie vergessen, da er mein Leben nach dem Abitur gestalten sollte. Der erste Teil der Vorbereitung war sehr eigenständig. Es ging darum, Impfungen, verschiedene Dokumente und noch einiges weiteres zu organisieren. Ende Juni ging es dann zum ersten Vorbereitungsseminar. Die Aufregung war riesig, denn ich würde das erste Mal meine Mitfreiwilligen kennenlernen. Daher war ich sehr froh darüber, dass ich den Weg nach Solingen nicht allein antreten musste, sondern mit einer anderen Freiwilligen, die ebenfalls nach Uganda ging und die ich schon aus der Schule kannte. Das erste Seminar war inhaltlich weniger auf unsere Einsatzländer und unsere Einsatzstellen ausgelegt, sondern mehr auf Themen wie Kommunikation, Teambuilding und das Erkennen und den Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Für mich war aber, wie gesagt, das Kennenlernen meiner Mitfreiwilligen das Aufregendste an dem Seminar. Auf Grund dessen war ich sehr dankbar für die vielen Einheiten, die sich um das Kennenlernen und das Aufbauen von Vertrauen drehten. Da ich mich direkt sehr gut mit meinen Mitfreiwilligen verstand, stieg die Vorfreude und meine Ungewissheit, die damit einhergehende Angst und der Respekt vor dem Jahr sanken um einiges. Zudem begann ich zu realisieren, dass das Ganze nicht nur ein Traum ist und ich in weniger als drei Monaten ein Leben in Uganda beginnen würde. Zwischen dem ersten und dem zweiten Seminar war es sehr hilfreich mit, den Mitfreiwilligen in Kontakt zu bleiben und dass man sich gegenseitig vor allem mental unterstützen konnte. Die richtige inhaltliche Vorbereitung kam dann mit dem zweiten Seminar im August. Die Einheiten fokussierten sich nun länderspezifisch auf viel Organisatorisches wie das Visum oder auch Prävention von Krankheiten und Sicherheit. Diese Einheiten haben bei mir verschiedene Gedanken und Gefühle ausgelöst. Einerseits bestärkte es meine Vorfreude, da ich meine Mitfreiwilligen noch mehr kennengelernt habe und alles viel realer wurde und ich mir meinen Freiwilligendienst immer besser vorstellen konnte. Andererseits löste es auch Stress in mir aus, da mir nun erst klar wurde, was noch alles vor meiner Ausreise, die nur noch etwa zwei Wochen entfernt war, zu tun war. Nach dem Seminar war ich erstmal ein wenig überfordert, denn ich hatte noch viel zu erledigen. Hinzu kam, dass ich mich langsam mit dem Abschied von meiner gewohnten Umgebung beschäftigen musste. Insgesamt war die Vorbereitung durch IN VIA sehr hilfreich, denn wir wurden durch jeden Prozess begleitet und ich habe mich immer sehr gut aufgehoben gefühlt.
Am 08.09. ging es dann los und auch wenn sich immer noch alles sehr unwirklich anfühlte, stand ich am Flughafen in Frankfurt mit meinen Koffern. Der Abschied am Flughafen von meiner Familie war sehr schwierig. Daher tat es mir sehr gut, dass ich nicht allein fliegen und den ganzen Prozess am Flughafen allein durchlaufen musste und wir uns in der Gruppe aus Freiwilligen gegenseitig unterstützen konnten. Bei der Ankunft am Flughafen in Entebbe hatte ich immer noch nicht ganz realisiert, dass ich nun in Uganda aussteigen würde. Als wir endlich den Flughafen verlassen hatten, wurden wir durch unseren Ansprechpartner S. abgeholt. Da es schon dunkel war, konnten wir nicht so viel auf dem Weg nach Nansana erkennen. Das konnte mir aber nicht die Vorfreude nehmen. Nach etwa einer Stunde Fahrt kamen wir bei UPA an und wurden durch unsere Hausmutter C. herzlich willkommen geheißen. UPA steht für Uganda Pioneer‘s Association und ist unsere Partnerorgansiation vor Ort, welche uns unser Guesthouse stellt.
Die ersten Tage im Land verbrachten wir fast ausschließlich bei UPA, da der tägliche Ausflug zum nächstgelegenen Supermarkt schon aufregend genug war. Am Tag nach unserer Ankunft begannen die Orientierungstage, angeleitet durch eine Mitarbeiterin des UPA-Büros. Uns wurde inhaltlich sehr viel über Ugandas Politik, Historie, die Geographie und Themen wie den Transport und das Essen vor Ort erklärt. Ich habe dies als sehr hilfreich empfunden. Am letzten Tag der Orientierungstage fand ein Ausflug nach Kampala statt. Der Ausflug war sehr interessant, da wir das erste Mal das ugandische Leben mitbekommen haben. Zur selben Zeit war ich überwältigt von der Größe der Stadt und der Anzahl an Menschen auf einem geringen Raum. Dabei wurde ich das erste Mal bewusst mit dem Ausdruck „Muzungu“ konfrontiert und mit der Aufmerksamkeit, die einem als weißem Menschen entgegengebracht wird. „Muzungu“ ist ein Begriff, der für Menschen europäischer Herkunft genutzt wird und ursprünglich „Reisender“ bedeutete.
Gerade in den ersten Wochen waren mir meine Mitfreiwilligen sehr wichtig. Dadurch, dass wir alle zusammenwohnen, besteht zur jeder Zeit die Möglichkeit die gemeinsamen Erfahrungen zu besprechen und uns über unsere Eindrücke auszutauschen. Das bot eine mentale Unterstützung, die ich nicht hätte missen wollen.
In unserer zweiten Woche lernten die meisten von uns ihre jeweilige Einsatzstelle kennen. Meine Einsatzstelle heißt Mengo Youth Development Link, MYDEL. MYDEL ist eine NGO, welche verschiedene Programme bietet, die sich vor allem auf die Jugend in den Slums von Mengo- Kisenyi Kampala fokussieren. Meiner Mitfreiwilligen und mir wurden nun einige dieser Programme vorgestellt. An unserem ersten Tag besuchten wir ein Center am Rand eines Slums in Kampala, welches sich mit Straßenkindern befasst und Essensausgabe, Beratung und erste Hilfe für die Kinder anbietet. Dieses Center gehört eigentlich zu der Organisation African Hearts, welche in Kooperation mit MYDEL steht. Nach dem Besuch in dem Center folgte ein Einblick in den Slum. An dem Tag habe ich sehr viele neue Eindrücke gesammelt, welche mich teilweise überforderten. Das lag vor allem daran, dass wir erst eine Woche zuvor in Uganda angekommen waren und ich mich noch nicht an die Lebensrealität hier gewöhnt hatte und dann direkt einen Teil von Uganda gesehen habe, der auf verschiedene Art und Weisen am weitesten von meiner Lebensrealität in Deutschland entfernt ist. Dazu war die Aufmerksamkeit, die auf mir und Eva lag, nochmal viel größer und wir wurden stark mit den Stereotypen eines „Muzungus“ konfrontiert. Als Nächstes besuchten wir das Vocationalcenter von MYDEL. Hier soll der Jugend aus den Slums Fähigkeiten erlernen, damit sie bessere Chancen auf dem Jobmarkt haben. Unter anderem werden Kurse angeboten wie ein Holzschnitzkurs oder ein Schneiderkurs. Bei unserem Besuch schauten wir bei einem Kurs zu, der zeigte, wie man Haare frisiert. Dabei konnten wir mit den Schülern reden und einen Einblick in den Alltag dieses Centers bekommen. Anschließend schauten wir uns eine Grundschule in Nansana an. Diese Schule besuchen Kinder aus Slum- Gebieten und aus der direkten Umgebung der Schule. Für etwa 50 Kinder bietet die Schule die Möglichkeit, dort während des Schuljahres zu wohnen. Da wir kurz nach den Ferien die Schule besuchten, waren noch nicht viele Kinder vor Ort, denn die Internatsschüler kommen erst im Verlauf der ersten Woche nach den Ferien an. Deshalb wiederholten wir das ABC mit einer Gruppe von etwa 8 Kindern.
Nach dem Besuch aller Programme konnten wir nun einen Arbeitsplan erstellen, wann wir in welchem Programm arbeiten wollen. Wir entschieden uns dazu, einen Tag in dem Vocationalcenter zu arbeiten und die restlichen Tage in der Schule zu verbringen. Im Center sollten wir Computer Kurse geben, die aber leider bis heute nicht zustande gekommen sind, da das Center noch nicht die Kapazitäten dazu hat. Daher unterrichten wir die ganze Woche an der Schule.
Zu Beginn unterrichteten wir ausschließlich in der Top Class Mathe und Englisch. Die Top Class entspricht in Deutschland in etwa dem letzten Kindergartenjahr. In dieser Klasse sind die Kinder etwa 6 Jahre alt. Das Unterrichten macht mir viel Spaß. Wir führten zum Beispiel ein, dass wir jeden Morgen und nach der Pause mit den Kindern zu englischen Kinderliedern tanzen. Es ist schön zu sehen, wie viel Spaß es den Kindern macht und es bereitet mir sehr viel Freude, wenn die Kinder auf mich zukommen und fragen, wann wir denn endlich wieder tanzen. Natürlich gab es vor allem zu Beginn auch einige Herausforderungen. Zum einem gibt es große Leistungsunterschiede bei den Kindern, da sich die Familien mancher Kinder die Schule nicht jedes Jahr leisten können. Zum Glück waren Eva und ich zu zweit und haben weitestgehend versucht, die entsprechenden Kinder individuell zu fördern. Außerdem stellte sich der Englischunterricht schwieriger heraus als gedacht, da die Sprachbarriere zwischen Englisch und Luganda größer war als erwartet und wir Schwierigkeiten damit hatten, den Kindern Englisch verständlich näher zu bringen. Dazu fand während unseres Unterrichts im selben Klassenraum noch der Unterricht der Baby- und Middle Class statt. Das sind die beiden jüngsten Jahrgänge. Dieser Unterricht stellte für die Schüler in unserer Klasse einen großen Ablenkungsfaktor da. Die größte Herausforderung war für mich die Kommunikation mit den Lehrern. Vor allem zu Beginn habe ich mich oft etwas allein gelassen gefühlt mit der neuen Situation. Oft standen Eva und ich zu zweit in einem Raum mit drei Klassen. Dazu gab es keinen Lehr-/ Stundenplan und uns wurde nicht klar kommuniziert, was wir unterrichten sollten. Nach einiger Zeit suchten Eva und ich dann das Gespräch mit den Lehrern, um einen neuen Plan für uns aufzustellen. Mittlerweile unterrichten wir kein Englisch mehr, sondern nur noch Mathe und dafür nicht nur in der Top Class, sondern dazu noch in den ersten beiden Grundschulklassen. Außerdem haben wir angefangen, an zwei Tagen in der Woche nach dem Unterricht verschiedene Aktivitäten für die Kinder anzubieten. Meistens wir einfach mit den Kindern oder tanzen. Die Arbeit mit den Kindern bereitet mir sehr viel Spaß! Es ist toll, dass die Kinder einem offen zeigen, wenn man ihnen eine Freude bereitet. Als sehr schwierig habe ich die Konfrontation mit Gewalt an Kindern empfunden, vor allem, da mir die Kinder sehr ans Herz gewachsen sind. In einigen Situationen bekamen meine Mitfreiwillige und ich dies mit und ich war extrem überfordert. Wir haben im Anschluss mit unserer Ansprechpartnerin bei IN VIA und mit unserem Mentor hier vor Ort gesprochen. Es hat mir sehr geholfen, die Situation in einem sicheren Umfeld auszusprechen und die Gedanken der Ansprechpartner dazu zu hören.
Allgemein fühle ich mich hier in Uganda sehr wohl. Dazu tragen viele Faktoren bei, wie zum Beispiel Freizeitgestaltung, meine Wohnsituation oder auch die Arbeit. Ich habe angefangen im Frauenbasketball- Team der Universität Makerere in Kampala mitzuspielen. Einerseits tut mir der sportliche Ausgleich gut, andererseits ist es ein einfacher Weg Kontakte zu finden. Da ich von Anfang an schon ein Interesse, nämlich den Sport, mit meinen Mitspielerinnen teile, ist es recht einfach Anschluss zu finden. Auch wenn ich zu Beginn die Wohnsituation etwas herausfordernd fand, da wenig bis keine Privatsphäre bestand, habe ich mich mittlerweile gut daran gewöhnen können. Es war eine riesige Umstellung von einem eigenen Zimmer zu einem geteilten Zimmer zu wechseln, aber mit meiner Zimmernachbarin funktioniert es sehr gut. Mittlerweile habe ich schon sehr viel in Uganda erlebt, auch abseits von Kampala. In unseren vier Monaten hier haben wir Jinja, Mbale und Kumi besucht und waren auf Sansibar über Silvester. Diese Reisen waren jedes Mal traumhaft und eine willkommene Ablenkung vom etwas stressigen Kampala.
Hinzu kommt, dass ich fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht mit der für mich neuen Kultur und sehr viele hilfsbereite und nette Menschen kennengelernt habe. Zu guter Letzt trägt zu meinem Wohlsein auch die Arbeit bei. Die Kinder bereiten mir jeden Tag aufs Neue viel Freude und es ist ein schönes Gefühl zu spüren, dass nicht nur sie mir ans Herz gewachsen sind, sondern, dass ich auch ihnen etwas bedeute. Wenn wir mit den Kindern tanzen, Spiele spielen oder auch im Unterricht, strahlen sie eine unglaublich Lernbereitschaft und Freude aus. In den letzten Monaten habe ich mir zudem viele Gedanken über meine Rolle als weiße Freiwillige in Uganda gemacht. Ich habe mich in vielen Momenten komisch gefühlt, als weiße, europäische Person einen Einfluss auf dieses Land haben zu wollen bezogen auf die Geschichte des Landes und vor allem auf die Kolonialzeit. Außerdem habe ich in mehreren Situationen gemerkt, dass aufgrund meiner Hautfarbe Fähigkeiten vorausgesetzt werden, die ich nicht erfüllen kann, da sie eigentlich durch eine Ausbildung erlangt werden. Durch solche Situationen habe ich gespürt, dass ich als weiße Person basierend auf Stereotypen behandelt werde, durch die ich in den meisten Situationen bevorzugt behandelt werde. Diese Gedanken lösen oft ein Gefühl von Unwohlsein bei mir aus und ich bin noch dabei, einen Weg für mich zu finden mit diesen Gedanken umzugehen.
Ich freu mich schon darauf euch in 3 Monaten von meinen nächsten Erfahrungen erzählen zu können!