Ankunft und erster Eindruck
Als ich im August in Frankfurt in den Flieger stieg, wusste ich zwar, dass ich jetzt für ein Jahr nach Kanada gehen würde, aber nicht, wie viel dieses Jahr mit mir machen würde. Ich wollte nach dem Abi nicht direkt zurück an den Schreibtisch, sondern etwas erleben. Muskoka Woods hatte mich schon während der Vorbereitung angesprochen, aber erst als ich nach der Landung in Toronto zum ersten Mal wirklich draußen stand, wurde mir klar, wie groß dieses Abenteuer werden würde.
Nach einer Nacht am Stadtrand wurde ich am nächsten Tag ins Camp gefahren. Die Fahrt dorthin war schon ein Erlebnis: viel Wald, viel Wasser, viel weiter Himmel. Im Camp angekommen, wurde ich direkt herzlich aufgenommen, auch wenn sich viele schon aus dem Sommer kannten. Viel Zeit zum Durchatmen hatte ich aber nicht – am nächsten Morgen begann sofort das Ropes-Training.
Die ersten Tage: Ropes‑Training und Classic Week
Fünf Tage lang lernte ich Knoten, Sicherungstechniken und wie man Kinder in luftiger Höhe motiviert. Die Prüfungen – schriftlich und praktisch – haben mich ordentlich gefordert, aber es hat sich gut angefühlt, von Anfang an richtig Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig lief die Classic Week, die verrückteste Woche des Camps, mit Mottoshows und Verkleidungen. Ich war mit Jetlag noch halb neben mir, aber die Energie im Camp hat mich sofort mitgerissen.
Mein Alltag als Activity Instructor
Schon kurz danach ging der Alltag los. Mein Tag startete immer mit einem kurzen Meeting, bevor die ersten Gruppen ankamen. Ich leitete Aktivitäten wie Klettern, Zipline, Bogenschießen oder auch Arts & Crafts. Jede Gruppe war für anderthalb Stunden da, danach ging es direkt weiter mit der nächsten. Unter der Woche kamen meist Schulklassen, am Wochenende Vereins‑ oder Jugendgruppen. Manchmal musste man Busse einweisen, mal Work Projects übernehmen – Stühle aufbauen, Müll einsammeln oder Cabins checken. Langweilig wurde es nie.
Leben in der Cabin und Gemeinschaft
Was mir besonders gefallen hat: Die meisten im Staff waren in meinem Alter. Die Cabin, in der ich mit sieben anderen Jungs lebte, war überraschend entspannt. Wir haben zusammen Filme geschaut, Basketball gespielt, gekocht – am Ende hat sich das Ganze eher wie eine WG im Wald angefühlt als wie ein Arbeitsplatz. Die Natur drumherum hat auch ihren Teil beigetragen: ein großer See, viel Wald, überall Tiere. Ich habe Rehe, Waschbären, Füchse und irgendwann sogar einen Bären gesehen. Im Herbst leuchteten die Bäume in allen Farben und im Winter lag das Camp teilweise meterhoch unter Schnee.
Jobwechsel ins Leadership Studio
Mit Beginn der kalten Monate wurde ich gefragt, ob ich ins Leadership Studio wechseln möchte. Das war eine der besten Entscheidungen meines Dienstes. Dort betreut man kleinere Gruppen bei speziellen Programmen, bei denen es nicht nur ums Spaßhaben geht, sondern auch ums Lernen. Es gab zum Beispiel eine Firefighting Experience, bei der die Teilnehmenden ein „Feuer“ löschen und eine Art Rettungsübung durchführen mussten, oder die Nascar Experience, bei der ein Team einen kompletten Pitstop simuliert. Diese Mischung aus Action und Reflexion hat mir richtig gut gefallen.
Gleichzeitig musste ich öfter putzen, weil das Studio und die Lodge zu den schönsten Gebäuden im Camp gehören, aber im Winter war es ehrlich gesagt auch mal ganz angenehm, nicht ständig draußen in der Eiseskälte zu stehen.
Ein Winter voller Extreme
Winter in Muskoka Woods ist sowieso ein Kapitel für sich. Minus 20 Grad waren völlig normal, an manchen Tagen ging es runter bis minus 30. Der See ist komplett zugefroren – so dick, dass Leute mit Motorschlitten darüber gefahren sind. Und trotzdem hatte der Winter etwas Magisches: Schneeschuhwandern, Langlaufskifahren, Tubing – ich habe vieles zum ersten Mal ausprobiert.
Unsere kleine Wintercrew ist richtig eng zusammengewachsen, weil wir über Wochen fast jeden Tag miteinander verbracht haben.
Dezember: Reisen quer durch Kanada und die USA
Im Dezember hatte das Camp eine Pause, und ich bin einen Monat lang gereist: Vancouver, Whistler, Seattle, Chicago, New York. Ich habe Weihnachten nicht zuhause, sondern mit Freunden in einer fremden Stadt verbracht. Das war seltsam, aber auch besonders. Nach all den Eindrücken zurück ins Camp zu kommen, hat sich fast angefühlt wie nach Hause kommen.
Frühling, neue Leute und mehr Verantwortung
Mit dem Frühling kamen wärmere Temperaturen – und Mücken in Massen. Gleichzeitig kamen viele neue Staff-Mitglieder, vor allem aus Neuseeland, was für frischen Wind sorgte. Ich habe weiterhin im Studio gearbeitet und gegen Ende der Season sogar ein eigenes kleines Team geleitet. Das war eine ganz neue Art von Verantwortung und hat mir gezeigt, wie sehr ich in diesem Jahr über mich hinausgewachsen bin.
Reisen, Natur und ein großer persönlicher Meilenstein
Wenn ich frei hatte, habe ich versucht, möglichst viel zu sehen. Ein Highlight war ein Trip nach Banff: türkisfarbene Seen, Berge, dichte Wälder – so etwas sieht man auf Fotos und denkt, das sei bearbeitet, bis man selbst davorsteht.
Außerdem habe ich für den Toronto Marathon trainiert. Ich war vorher nie mehr als zwölf Kilometer am Stück gelaufen. Am Ende bin ich den Marathon wirklich durchgelaufen – ein Moment, auf den ich bis heute stolz bin.
Sommer, Sommercamp und Abschied
Der Sommer kündigte sich mit einer intensiven Staff Week an. Viele hatten mir gesagt, dass diese Woche lang und vollgepackt ist – und ja, das stimmt. Aber sobald die Kinder für das Sommercamp anreisen, verändert sich die ganze Dynamik: mehr Aktivitäten, mehr Energie, mehr Chaos, aber auch mehr Freude. Über 650 Gäste und über 350 Mitarbeitende gleichzeitig im Camp – das ist eine ganz eigene Welt.
Jetzt, kurz vor dem Ende meines Freiwilligendienstes, merke ich, wie schnell das Jahr vergangen ist. Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich freue mich darauf, Familie und Freunde wiederzusehen, aber ein großer Teil von mir wird Muskoka Woods vermissen: die Natur, die Gemeinschaft, die vielen kleinen Momente, die mich haben wachsen lassen.
Dieses Jahr hat mich geprägt – mehr, als ich es mir beim Abflug je hätte vorstellen können.

