Das Wetter in Deutschland ist im Vergleich zum warmen tropischen Wetter in Uganda nur mäßig gut. Jetzt ist es also vorbei. Nach einem langen Flug bin ich in Berlin und wenige Minuten danach zu Hause in meiner Wohnung angekommen. Um zuzugeben habe ich einige Tagen, wenn nicht Wochen, gebraucht, um diesen letzten Bericht zu verfassen.
Josefine, Einsatzzeit: 2022 bis 2023:Erfahrungsbericht St. Mary´s Health Center, Uganda
"All dies sind unvergessliche Erlebnisse. Dabei haben sich anfängliche Schwierigkeiten zu einem Heimatort entwickelt. Wenn mich jemand fragt, wie mein Jahr war, antworte ich immer, dass es zu meiner weiteren Heimat wurde. Das Land hat mich bewegt und lässt mich nicht mehr los." Josefine, Uganda
Ferne Verbundenheit
Das Wetter in Deutschland ist im Vergleich zum warmen tropischen Wetter in Uganda nur mäßig gut. Jetzt ist es also vorbei. Nach einem langen Flug bin ich in Berlin und wenige Minuten danach zu Hause in meiner Wohnung angekommen. Um zuzugeben habe ich einige Tagen, wenn nicht Wochen, gebraucht, um diesen letzten Bericht zu verfassen. Alles war und ist immer noch verwirrend. Schon als wir in das Flugzeug stiegen in Entebbe haben meine Mitfreiwillige und ich uns gefragt, wie es wohl sein wird zurückzukehren. Wie es wohl in Deutschland sein wird. Davon abgesehen, dass ich mich mit den Nachrichten nicht beschäftigt habe, wusste ich nicht ich wie mich mein soziales Umfeld empfangen wird. Den Kontakt konnte ich leider wenig halten, auch aufgrund von Netzwerkproblemen und weil ich einfach in einer anderen für mich neuen Welt in Uganda gelebt habe. In die alte Welt, die deutsche Welt, zurückgekehrt und nach Empfang am Flughafen von Familie und Freunden, stellte ich fest, dass sich in der Zeit gar nicht so viel änderte. Natürlich hat sich der Freundeskreis etwas verformt und meine Nachbarstraßen zeigen neue Läden. Um ehrlich zu sein, finde ich es aber gar nicht so schlecht, dass mein sozialer Kreis sich neu orientiert. Denn ich merke, wie mich der Freiwilligendienst verändert hat. Ich möchte neue Bekanntschaften schließen. Die Erfahrungen, die mir dieses Jahr in Uganda gegeben hat, haben mich geprägt. Wenn ich jetzt meine Unterstützerkreisberichte nachlese, merke ich wie viel sich im Laufe der Zeit entwickelt hat, auch wenn das Jahr so schnell verflogen ist.
Rückblickend würde ich sagen, bestand das Jahr Freiwilligendienst in Uganda bei mir, wie bei Vielen, hauptsächlich aus Lernen. Zu lernen, wie man auf Lugandisch einkauft. Zu lernen, wie man mit Kohle kocht. Zu lernen, wie man mit den Händen wäscht. Zu lernen, wie Landwirtschaft vor Ort betrieben wird und dabei sogar selbst Reis zu ernten. Zu lernen, wie wir im Arbeitsbereich der Einsatzstelle zurechtkommen von Laborarbeit über Geburtsstation bis hin zur Erstbehandlung bei Notfällen und tropischen Krankheiten. Viel im Umgang mit Menschen zu lernen und die Menschen vor Ort kennenzulernen. Und vor allem: Viel Lernen über sich selbst. Ich habe bei dem Auf und Ab der Emotionen Aufregung, Heimweh, Trauer, Mitleid, Wut, Angst und Neugierde im Laufe des Jahres gelernt meine Bedürfnisse besser zu erkennen und zu kommunizieren. Bei der Tatsache viel auf sich gestellt zu sein, habe ich besonders mich besser kennengelernt. Dafür bin ich unglaublich dankbar, denn jetzt zurück in Deutschland, kann ich mich noch immer sehr auf meine Intuition verlassen. Dankbar bin ich aber auch für all die Möglichkeiten und vor allem Menschen, die mir einen so wunderbaren Einblick in die ugandische Kultur und Lebensweise ermöglicht haben: Im St. Mary’s (Hilfszentrum/Krankenhaus), meiner Einsatzstelle, haben mir meine Kollegen immer Austausch geboten und mich sogar mit einem lugandischen Namen neu getauft. Natürlich gab es sehr viele Fragen zu der westlichen Welt und kleinere, teilweise lustige, Unterschiede wurden aufgezählt. Meistens kam der Stolz der Uganda auf ihr eigenes Land, abgesehen der Regierung und Wirtschaft, deutlich zum Vorschein. Ich erinnere mich noch, wie ein Freund von mir während der Arbeit plötzlich zu mir kam und fragte: ,,You put your grandparents in those houses and leave them there, right? But for us, we stay with our jajjas till the end. They are part of the family!´´- Gemeint hat er wohl Altenheime und wie unverschämt sie gegenüber unseren Familienangehörigen seien. Ein anderes Erlebnis, an das ich auch gerne zurückdenke und das ich nur dank meiner Gastfamilie erleben durfte, ist das Weihnachten. Das christliche Fest wurde gefeiert, doch so ganz anders als in Deutschland. Eine skurrile Mischung aus Kindergeburtstag und Christmas in Amerika ohne Weihnachtsbaum.
Meine Mitfreiwilligen und ich haben nur geschmunzelt und uns über die bunten Girlanden und Luftballons und tanzenden Kinder gefreut. Das Highlight aber war natürlich das gemeinsame Essen. Esskultur ist in Uganda unglaublich wichtig. Essen ist die Frage und Antwort zu allem gleichzeitig. Es war nicht nur die Basis eines jeden Smalltalks, wie in Deutschland das Wetter, es ist auch der Hauptprogrammpunkt einer jeden Feier gewesen. Wird gefeiert, wird gegessen. Das ging so weit, dass das Essen bei jeder Feier taktisch eingeplant werden musste, da sonst die Gäste nach dem Essen sofort gingen.
Dem verschiedenen Umfelde (Arbeit und Gastfamilie und Kollegen) führten dazu, dass wir allmählich einen Alltag entwickelten. Wobei man das nicht richtig als Alltag verstehen konnte. Wir kamen zwar zurecht und fühlten uns sicherer, kannten Vieles und hatten unser persönliches Umfeld. Doch jeder Tag war in Uganda immer besonders. Abgesehen von den vielfältigen Tagen in dem Krankenhaus, besonders in meiner zweiten Einsatzstelle Bishop Assili (größeres Krankenhaus in der nächstliegenden Kleinstadt) durch die Einzelschicksalen der Patienten und derer Krankheiten, hatte jeder Tag etwas Neues zu bieten. Nicht nur, weil wir immer noch jeden Tag dazulernten, sondern auch aufgrund der Lebensweise und Mentalität der Menschen. Immer wieder kamen neue Businessideen oder man wurde zu Bekannten mitgenommen, die einen zum security guide der nächsten Schule gebracht haben, der mal eben schnell nebenberuflich deine Schuhe repariert hat, weil der Kleber der Sohle gerade in der Sonne geschmolzen war. Natürlich hat zu dieser Atmosphäre beigetragen, dass Menschen in Uganda nur selten festes Gehalt beziehen und wenn, es meistens nicht ausreicht. Viel wird von der Hand in den Mund gelebt. Besonders bewundert habe ich dabei die Kunst zu improvisieren und so flexibel zu sein. Man hatte dein Eindruck das Vieles auch einfach alltäglich war. Das Wort Komisch hat für mich in Uganda an ganz andere Bedeutung angenommen. Es gab nichts, was wir nicht gesehen haben oder uns noch in irgendeiner Weise überrascht hätte. Selbst wenn meinen ugandischen Kollegen die absurde Situation gerade wie mir auffiel, wurde mal kurz gelacht, sich die Geschichte gemerkt und weitergemacht. Inspiriert hat mich dabei auch die Selbstverständlichkeit und Offenheit, mit der Menschen in positiver Hinsicht an die Dinge herangehen. Da wurde nicht Ewigkeiten philosophiert: was wäre wenn. Es wurde einfach gemacht und beim Scheitern wurde etwas Neues ausprobiert. Was zu sagen ist, wird gesagt. Anfangs war dies sehr ungewohnt, da die Direktheit einiger Aussagen, die beispielsweise das Körpergewicht oder Hautunreinheiten betraf, mir mit westlicher Höflichkeit als unangebracht erschienen. Doch mit der Zeit lernte ich auch es wertzuschätzen. Eine weitere Einstellung, die ich aus dem Jahr mitnehmen konnte, ist, dass im Hier und Jetzt gelebt wird. Eben wegen der oben genannten Kontaktknüpfungen und Jobperspektiven wird sich viel Zeit mit dem Umfeld gelassen. Aber auch, weil dem Gegenüber immer mit Respekt begegnet wird. Natürlich erweist es sich als schwierig das in dem Ausmaß auf den Alltag in Deutschland zu übertragen. Trotzdem versuche ich auch hier mehr auf das Jetzt zu achten.
Uganda ist in vieler Hinsicht überwältigend, darum waren wir auch so stolz, als unsere Familien uns dem Ende hin besucht haben und wir versucht haben ihnen alles zu zeigen. Doch als Tourist nimmst du meisten das Essen, die Natur und den Tanz als Erfahrung mit. Als Freiwilliger noch so viel mehr. Als Freiwilliger hast du auch die Möglichkeit, dich mit verschieden anderen Themen, die das Land bewegen, auseinanderzusetzen. Zum einen gibt es unglaublich viel Armut und trotzdem die lähmend wirkende Unmöglichkeit, diese effektiv zu bekämpfen. Des Weiteren sieht man, mit welcher Intensität Religion das Land prägt. Egal welcher Religion du angehörst, du wirst akzeptiert. Nur Atheismus trifft auf Unverständnis, denn mir wurde erzählt, Religion biete vielen Hoffnung und eine gewisse Stabilität. Zum anderen ist da HIV. Ich hatte das Gefühl die unheilbare Geschlechtskrankheit zieht sich wie eine Furche durch die gesamte Bevölkerung. Abgesehen von den gesundheitlichen Auswirkungen, beeinflusst es Familienbeziehungen maßgeblich und ist Symbol für sozialen Status. An
dem Beispiel HIV konnte ich auch besonders gut das labile Gesundheitssystem Ugandas wahrnehmen. Die staatlichen Krankenhäuser sind nicht gut aufgestellt, sowohl Behandlungsmöglichkeiten als auch Mitarbeiter fehlen. Eigentlich kostenlose Medikamente werden aus Not in Rechnung gestellt. Die Bevölkerung ist auf private Organisationen und derer Projekte angewiesen, anders könnte nicht für die hohe Anzahl an HIV-positiven im Land gesorgt werden. Auch in meiner Einsatzstelle wird eine fast kostenlose HIV- Behandlung angeboten durch Mittel von Hilfsorganisationen. Ich konnte dabei die Auswirkungen und Konsequenzen der Handlungen des Westens hautnah miterleben. Meine Einsatzstelle hatte eine private Organisation beherbergt, die sich um all die Großmütter im Umfeld gekümmert hatte, welche sich die Diabetes- und Blutdruckmedikament nicht leisten konnten. Während meiner Zeit vor Ort schienen ausländische Hilfsorganisation immer ,,unzufriedener,, mit der antihomosexuellen Einstellung der politischen Führung des Landes. Durch Medien schaukelte sich die Lage so hoch, dass sich viele private ausländische Organisationen als Konsequenz der Antihomosexualität Ugandas aus dem Land zurückzogen. Auch das Projekt meiner Einsatzstelle ging, die nun viele Großmütter wieder auf sich allein gelassen hat. Als Reaktion erließ die Regierung nun ein neues Gesetz, mit dem bei ,,schwerer Homosexualität´´ die Todesstrafe verhängt werden darf. Meiner Meinung nach ist die Situation vollkommen eskaliert. Wenn meine Kollegen mit mir über dieses Thema sprachen, stieß ich auf Unaufgeklärtheit beider Seiten. Mir wurden die Schwächen der aktuellen Entwicklungspolitik noch einmal bewusst. Ich habe das Gefühl, dass manchmal vergessen wird, dem Land, dem man eigentlich helfen möchte, zuzuhören und nicht stattdessen die westliche Welt aufzwingen zu wollen. In meinen Augen funktioniert Entwicklungspolitik nur, wenn es auf einem fairen Austausch und interkultureller Kommunikation basiert.
Als Konsequenz der westlichen Lebensart erkennt man aber natürlich auch all die Umweltschäden, die durch das Vermüllen und Abgase erzeugt werden. Fast jeden Tag musste ich neben einer Müllhalde groß wie ein halbes Fußballfeld mitten in der Natur entlangfahren. Und in der Hauptstadt gab es als Touristenattraktion einen riesigen Second Hand Markt mit Massen an Kleidung, welche woanders zu Abfall erklärt wurde.
All dies sind unvergessliche Erlebnisse. Dabei haben sich anfängliche Schwierigkeiten zu einem Heimatort entwickelt. Wenn mich jemand fragt, wie mein Jahr war, antworte ich immer, dass es zu meiner weiteren Heimat wurde. Das Land hat mich bewegt und lässt mich nicht mehr los.
Wir haben uns gefragt, wie wir Kontakt halten werden können mit den Kontakten vor Ort. Ich hatte Sorge, dass ich mit der Zeit vergessen werde, wie es ist in Uganda zu leben und ich mich in die Lage meiner Freunde vor Ort nicht mehr hineinversetzen werde können. Ich kann jetzt noch nicht sagen, wie es sein wird. Aber ich hoffe einfach, dass es in meinen Erinnerrungen bleibt. Ich habe mir fest vorgenommen, das Erlebte und meine Erfahrungen weiterzutragen. Wie wir schon vor dem Freiwilligendienst wussten, sind wir nie mit der Einstellung ausgereist, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklungspolitik vor Ort beizutragen oder der Bevölkerung in Uganda zu ,,helfen‘‘. Vielmehr sollte der Freiwilligendienst uns selbst helfen, indem wir uns einerseits persönlich weiterentwickeln und andererseits einen Einblick in andere Kulturen gewinnen. Meinem Umfeld erzähle ich von all den positiven und auch negativen Empfindungen und wahrgenommen Verhältnissen vor Ort und beantworte so gut es geht die neugierigen Fragen.
Abschließend kann ich sagen, dass ich für diese einjährige intensive Erfahrung sehr dankbar bin. Sie hat mir nicht nur in meiner persönlichen Weiterentwicklung geholfen, sondern mich auch an die Thematik Entwicklungspolitik herangeführt, sodass ich mich in Zukunft weiter mit dieser auseinandersetzen möchte.